Wovon wir reden, wenn wir von Chakren reden

Anusara Yoga Beitrag von Stefan

Yoga spricht, wie auch viele Bereiche der modernen Wissenschaft, über unbeobachtbare Dinge. Die moderne Physik spricht über Elektronen, Quarks und Magnetfelder, Yoga über energy loops, Chakren und subtile Körper. Doch welche Bedeutung haben Aussagen über Gegenstände, die unserer unmittelbaren Beobachtung nicht zugänglich sind? Bei Aussagen über Alltagsgegenstände scheint dies klar: „Der Block ist auf der Matte“ bedeutet einfach, dass der Block auf der Matte ist. Ist eine Aussage darüber, dass ein Chakra an einer bestimmten Stelle des Körpers verortet ist, in derselben Weise zu verstehen wie die Aussagen über den Ort des Blocks? Wissenschaftliche Realisten behaupten, dass wissenschaftliche Aussagen, wie „Elektronen haben eine negative Ladung“, sich auf wirkliche Dinge, nämlich Elektronen, und deren Eigenschaften, wie eine negative Ladung zu haben, beziehen. Sollte man in gleicher Weise Realist in Hinblick auf Aussagen über die Gegenstände des Yogas sein?

Bestimmte Abschnitte in Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus (TLP) scheinen dies auszuschließen. In Abschnitt 6.53 schreibt Wittgenstein über Aussagen nicht-naturwissenschaftlicher Disziplinen, wie z. B. der Metaphysik:

„Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt, also Sätze der Naturwissenschaft – also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat -, und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend – er hätte nicht das Gefühl, dass wir ihn Philosophie lehrten – aber sie wäre die einzig streng richtige.“

Wenig später (TLP 7) schreibt er „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Bedeutet dass, das nach Wittgenstein Sätze des Yogas keine Bedeutung haben, da sie keine Sätze der Naturwissenschaften, sondern der Metaphysik sind und dass man solche Sätze gar nicht erst äußern sollte? Dem ersten Anschein entgegen ist dies nicht der Fall und die Möglichkeit, dem Gebot zu Schweigen etwas zu entgegnen, findet sich im Traktatus selbst. Die Möglichkeit dieser Entgegnung entsteht aus einer Spannung, die im Traktatus selber angelegt ist. So schreibt Wittgenstein im Abschnitt 6.54 über sein eigenes Werk:

„Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“

Wittgenstein zeigt an dieser Stelle das Problem auf, dass nach seinem eigenen Kriterium seine Sätze bedeutungslos sind und er von sich selbst verlangen müsste zu schweigen, präsentiert aber auch eine Lösung dieses Problems. Auch wenn die Sätze des Traktatus in einem Sinne bedeutungslos oder sinnlos sind, so haben sie doch die unverzichtbare Rolle uns zu zeigen, wie wir die Welt richtig sehen sollten. Wir benötigen die Sätze um zu verstehen, dass sie bedeutungslos sind, so wie wir die Leiter erst wegwerfen können, nachdem wir sie hinaufgestiegen sind. Wittgensteins Sätze sagen nicht etwas im selben Sinne wie es die Aussagen der Naturwissenschaften tun, aber sie können uns etwas zeigen. Wittgenstein sollte vielleicht am besten so gedeutet werden, dass wir es vermeiden sollten, Sätze, die uns etwas zeigen oder erläutern, so zu verstehen, als ob sie etwas sagen. Wir geraten dann in Probleme, wenn wir versuchen etwas über Sachverhalte zu sagen, die man nur zeigen kann.

Bezogen auf Yoga mag dies nun folgendes bedeuten. Wir begehen dann einen Fehler, wenn wir Aussagen über Chakren, subtile Körper, etc. genauso verstehen, wie wir Alltagsaussagen und Aussagen der Wissenschaften verstehen. Wenn also in einer Yogastunde über Chakren oder ähnliches gesprochen wird, sollten wir nicht meinen, dass uns etwas über physikalische Gegenstände mit bestimmten Eigenschaften gesagt wird. Stattdessen sollen diese Aussagen uns etwas zeigen oder etwas ausdrücken, beispielsweise wie sich eine bestimmte Stellung unseres Körpers anfühlen sollte, wie wir unsere Muskeln aktivieren sollten oder mit welcher Einstellung wir Anusara Yoga praktizieren sollten. Diese Aussagen helfen uns, unsere Wahrnehmung zu schulen und uns selbst damit richtig zu erfahren und die richtige Einstellung zu unserem Üben einzunehmen.