Yogalehrer Vertiefungsausbildung: Am Anfang war ein (R)aum

Ein Beitrag von Sonja Witte

A – steht für Anfang. Es ist nicht nur der Anfang unseres Alphabets, unserer geschriebenen Sprache. Im Yoga ist das weite, freie „A“ der Beginn der Welt – nämlich der Beginn des ursprünglichsten Klanges „Om“. A-U-M. Ein Auftakt, ein Anheben, eine Eröffnung.

Eine neue Welt hat sich am letzten Wochenende auch in Potsdam eröffnet, pünktlich zum astronomischen Frühlingsanfang. Ein neuer Raum für Yogis und Yoginis und für Lalla und Vilas.
Und auch für mich als Karma-Yogini war das erste Wochenende in Potsdam etwas Besonderes. Halbzeit der +300h Yogalehrer Vertiefungsausbildung. Nachdem die ersten Ausbildungs-Wochenenden in Berlin stattfanden, bin ich froh, dass ich von jetzt an „rauskomme“ aus dem Betontempel Berlin, in dem mein Blick so oft den Himmel sucht und wenn er ihn gefunden hat, nur grau sieht. Also Potsdam! Eine Oase aus grün und blau, sagt Google Maps. Wälder und Seen. Das lässt jedes in U-Bahnen eingezwängte Großstadt-Herz höher schlagen. Sehnsucht nach Natur und Stille.

 

Plötzlich ist es so hell, dass meine Augen, die sich in den Wintermonaten an die Enge der Häuserschluchten gewöhnt haben, erst mal überfordert sind. Licht, viel Licht und ein See! Innerliche Luftsprünge und der Wunsch, vom Balkon ins Wasser zu springen!

 

Schon stehe ich mit meinen nackten Füßen auf dem mit Bienenwachs beschichteten Holzboden des Yogaraumes. Plötzlich ist es so hell, dass meine Augen, die sich in den Wintermonaten an die Enge der Häuserschluchten gewöhnt haben, erst mal überfordert sind. Licht, viel Licht und ein See! Innerliche Luftsprünge und der Wunsch, vom Balkon ins Wasser zu springen! – Mein Realitätssinn hält mich zurück, aber ich sehe draußen den Steg und kann den Sommer hier kaum erwarten.

Das erste lang schwingende A-U-M zu Beginn von Lallas Mittagsklasse weihte die neue Yoga-Shala ein. Ein Klang, der durch die vielen unterschiedlichen Stimmen wuchs und wuchs, dem es zwischen den Wänden zu eng wurde, der sich durch die große Fensterfront seinen Weg nach draußen zum See bahnte und auf der Wasseroberfläche kleine Wellen schlug. Resonanz zwischen Innen und Außen.

Lallas Klasse war eine dem Yoga gewidmete Feier, die sich in den unterschiedlichsten Formen ausdrückte – vor allem natürlich im Tänzer, Nataraj-Asana. Wie Shiva in Gestalt von Nataraja tanzten wir Yogis auf den bunten Matten unseren eigenen kosmischen Tanz von Kreation und Auflösung – bis das wohlverdiente Shavasana jede bisher geschaffene Form in die Stille sinken ließ.

Ich frage mich, warum ich am Ende einer Yogastunde das Nicht-Tun herbeisehne – warum es mir im Alltag aber so schwer fällt, mir die Zeit zu nehmen, den Raum zu schaffen. Warum kann ich den See vor dem Fenster in Potsdam nicht mit nach Berlin nehmen? Als Gegengewicht zum festen und starren Beton.
Was ich mitnehme, ist der Blick auf den See, als Erinnerung an eine innere Landschaft, die ich in meinem mentalen Gepäck immer dabei haben kann. Wie das U in der Mitte von AUM als Verbindung und Brücke zwischen Anfang und Ende muss ich das durch Lalla und Vilas Angestoßene, Initiierte erhalten und hinüber retten ins Leben. So dass das M, das weiche „mmm“, auch außerhalb des geschützten Yogaraumes in Potsdam, wenn es auf eine andere, härtere Umgebung trifft, weiterschwingen kann.

 

Wie das U in der Mitte von AUM als Verbindung und Brücke zwischen Anfang und Ende muss ich das durch Lalla und Vilas Angestoßene, Initiierte erhalten und hinüber retten ins Leben.

 

Ein grundlegendes Ziel der Yogaausbildung: die enge Verbindung von Yoga und Alltag, selbst wenn ich nicht hauptberuflich Yogalehrerin bin. Denn ohne diese Integration bleibt jede Verrenkung auf der Matte bloße Gymnastik, bleibt jeder gesprochene Satz über Yoga eine leere, esoterische Phrase. Was ich hier lerne, bleibt nicht theoretisch, auch wenn ich Theorie sehr mag. Das ist anstrengend, Veränderungen einzuleiten und sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf seiner Gewohnheiten zu ziehen. Ich bin sehr dankbar, dass ich zwei Lehrer gefunden habe, die mich dabei so sehr motivieren und wie zwei Polarsterne Licht und Koordinaten geben.

Aus Vilas spielerischer Sonntagsklasse klingt immer noch das Lachen nach. Ein Verirren und Ausprobieren der wildesten Formen, ohne Ziel, aus Freude am Sein – bis das Licht nicht nur durch die Fenster scheint, sondern auch durch die Körper. Und immer wieder füllt das „glucksende Lachen“ der Yogis den Raum. Aum —